Kulturjournalist, Gründer des Podcasts Asphalt Jungle — Brüssel — 2025
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Kulturjournalist, Gründer des Literatur-Podcasts „Asphalt-Jungle“ (2023-2026) und Leiter der Rubrik „Bücher“ bei der französischsprachigen belgischen Wochenzeitung Moustique
Was kann ein Literatur-Podcast heutzutage leisten?
Zunächst mal all die, die zuhören, einladen in ein Universum vorzustoßen, auf Entdeckungsreise einer Autorin oder eines Autors zu gehen, und wahrscheinlich, sogar sehr wahrscheinlich, die Lust am Lesen zu wecken.
Wo positionierst du dich durch deine Arbeit in der heutigen Gesellschaft? Fühlst du dich mit einer besonderen Rolle vertraut?
Ich bin mir der Welt, in der ich lebe, sehr bewusst. Und das jagt mir schon einen Schrecken ein. Wenn ich nur auf meinen beruflichen Bereich schaue, sagen wir mal Bücher und Kultur im Allgemeinen, da brennt es.
In den Bibliotheken einiger US-Bundesstaaten werden Romane verboten. In Frankreich nutzen steinreiche Geschäftsleute Medien als Wahlkampf-Plattform und verbreiten dort Ideen, bei denen einem einfach zum Kotzen ist. In Italien bekommt auch das Kino eins auf den Deckel, und bei uns, in Belgerie*, spürt man deutlich, dass es einen politischen Willen gibt, das Vereins- und Solidaritätsgefüge aufzuribbeln und auch die Kultur anzugreifen. Wie ich mich positioniere? Ich versuche, durch meine Schriften dieser heutigen Welt etwas entgegenzusetzen, wenn das deine Frage beantwortet. Die einzige Rolle, die ich für mich sehe, ist die des Mittlers. Eines Übermittlers. Du liest einen Roman, der dich berührt, du triffst einen Autor, du verfasst deinen Artikel, und wenn du auch nur eine einzige Rückmeldung bekommst von jemandem, der deinen Text gelesen, das Buch daraufhin gekauft, gelesen und geliebt hat, dann sagst du dir, dass du deine Zeit nicht vergeudet hast.
*Belgerie: Selten gebrauchter Ausdruck, der ein für Belgien charakteristisches Objekt, eine Praxis oder ein kulturelles Produkt bezeichnet (Anm. Übers.)
Hast du das Gefühl, einen Kampf für die Literatur zu führen?
Es war der amerikanische Schriftsteller Percival Everett – den ich das Glück hatte, im September 2025 in Paris ausführlich kennenzulernen –, der sagte, dass Lesen an sich schon ein Akt des Widerstandes sei. Abgesehen davon, ja, ich denke, man liest nicht genug und ich möchte gerne, dass die Leute mehr lesen.
Was bedeutet Lesen heutzutage, wo Zeit, Aufmerksamkeit und Lese-Lust seltener zu werden scheinen?
Es wäre anmaßend und falsch zu sagen, dass ich aus Widerstand lese. Auf jeden Fall bin ich, wenn ich in ein Buch vertieft bin, vom allgegenwärtigen Blödsinn und Obskurantismus verschont, das ist klar. Lesen heißt zu entfliehen, sich zu informieren, die Welt zu verstehen suchen, sich intellektuell zu bereichern, auch sich schiefzulachen. Lesen heißt bewegt, berührt, erschüttert, aufgerüttelt zu werden …

Wie viele Bücher liest du im Schnitt pro Monat?
Etwa zehn Bücher, zwischen acht und zehn, würde ich sagen..
Du interessierst dich für die zeitgenössische Literatur. Welchen Stellenwert schreibst du heute den Klassikern zu?
Mir fehlt die Zeit. Allerdings wäre mein Leben nicht unbedingt ein Fehlschlag, wenn ich die Klassiker der russischen Literatur, Homers Odyssee oder Augustinus kaum gelesen hätte. Vor kurzem habe ich endlich Dickens „Große Erwartungen“ gelesen, das ich toll fand. Es erscheinen so viele Romane und da ich ja eigentlich der aktuellen Literatur folgen soll …
Ist Literatur für dich eher eine Form der Flucht oder eine Möglichkeit zu lernen und voranzukommen?
Wie ich oben schon sagte, es ist wirklich ein bisschen von beidem.
Wie ist „Asphalt-Jungle“ entstanden?
Aus dem Wunsch heraus, Autorinnen und Autoren zu treffen. Das liebe ich an meiner Arbeit, viel mehr als schreiben, vielleicht nicht ganz, aber weniger: Menschen zu treffen.
Wie bereitest du deine Interviews vor? Und nach welchen Kriterien wählst du die Autoren aus, die du einlädst?
Wie bei meinen Artikeln für die Printmedien. Ich versuche, gründlich zu sein. So viele Romane wie möglich von der Person, die ich treffen werde, zu lesen, wenn es mir die Zeit erlaubt. Wenn es ein Debütroman ist, ist das cool. Auch bei Adeline Dieudonné, die hat vier geschrieben. Bei Marc Dugain, den ich wegen Moustique getroffen habe, war es komplizierter, denn er hat ungefähr 30 Romane geschrieben. Was die Kriterien angeht, so sind sie identisch. So nah wie möglich an der Aktualität sein, also am Erscheinungstermin des Romans. Es ist ein rein egoistisches Vergnügen, an einem solchen Tag einen Artikel über den neuen Fred Vargas zu haben oder einen Podcast mit Caroline Lamarche, der mit dem Erscheinen eines neuen Romans zusammenfällt.
Bei Asphalt-Jungle triffst du die Autoren oft in ihrer eigenen Welt. Was trägt der Ort zum Gespräch bei?
Der Gast ist bei sich zu Hause, in seiner eigenen Welt, also in Sicherheit. Ich habe eine bewegende Erinnerung an ein langes Interview für Le Soir im Haus von Hubert Selby Jr in North Hollywood im Jahr 1999. Gut, jetzt mache ich ein bisschen den Schlauberger und weisen Alten, tut mir leid, aber es war unglaublich. Du findest dich in der Höhle eines Typen wieder, der dich mit seinen Romanen einfach umgehauen hat, der dir ein Glas Wasser anbietet, du siehst wo er lebt, den Tisch, an dem er schreibt und dann bestellt er dir ein Taxi … Ich schweife etwas ab, ich weiß … Ich bin nach wie vor überzeugt – das gilt für den Podcast als auch für den Artikel in den Printmedien –, dass ein Treffen zu Hause immer viel ergiebiger sein wird, als ein traditionelles Interview in einem Hotelzimmer oder am Tisch einer Bar oder einem Restaurant.
Du bittest sie immer, einen Auszug aus ihrem neuesten Buch zu lesen. Was verrät, deiner Meinung nach, die Stimme, was das stille Lesen nicht vermittelt?
Eine Verkörperung? Das ist eine komplizierte Frage. Den Rückmeldungen zufolge, weckt das Vorlesen die Lust, den Roman zu lesen. Oder auch nicht.
Deine Gespräche sind lang, aufmerksam, stehen im Gegensatz zu den schnellen Formaten. Ist das eine Art, sich dem vorherrschenden Rhythmus zu widersetzen?
Unbewusst sicherlich. Aber indem man sich Zeit nimmt, kommt man im Gespräch viel weiter. Ich kenne die Gäste nicht oder nur flüchtig. Es braucht jedenfalls eine Aufwärmphase zu Beginn des Interviews, um Vertrauen aufzubauen.
Gab es einen Moment, der, oder eine Begegnung, die dich besonders geprägt hat seit dem Start des Podcasts oder als du für Le Soir, Focus/Vif schriebst, oder heute bei Moustique?
Zusammen mit Pierre-Etienne Bonnet, meinem Partner bei „Asphalt-Jungle“, der sich um die technischen Aspekte der Aufnahmen bis hin zum Schnitt kümmerte, pflegten wir zu sagen, dass es jedes Mal super und jedes Mal anders war, und das stimmt. Eine besonders prägende Begegnung unter den dreißig? Bei Caroline Lamarche zweifellos, Odile d’Oultremont, Caroline De Mulder oder Adeline Dieudonné. Nur Autorinnen, das ist ja lustig. Russel Banks, den ich mehrmals getroffen habe, oder Jim Harrisson in der Zeit von Le Soir. TC Boyle (über Zoom) oder Jonathan Franzen für Focus/Vif, alles Amis. Man beendet ein Interview von einer Stunde mit jemandem, der immerhin „Die Korrekturen“ oder „Freiheit“ geschrieben hat, und spricht über Velvet Underground, Lou Reed und die Talking Heads …
Was würdest du dir wünschen, das nach einer Podcast-Folge bleibt: die Lust am Lesen, das Gefühl einer Begegnung oder eine andere Art des Zuhörens?
Wie beim Erscheinen eines Artikels. Dass die- oder derjenige, die/ der das Interview hört oder liest, sich sagt: Das spricht mich an, der Typ oder die Frau da redet keinen Blödsinn; ich werde mir das Buch besorgen.
Was haben diese Begegnungen im Laufe der Zeit bei dir geändert?
Wenn ich heute der bin, der ich bin, dann deshalb, weil ich das Glück hatte und immer noch habe, all diese inspirierenden Menschen zu treffen. Ich bin nicht mehr derselbe – ich übertreibe ein bisschen, aber gleichzeitig auch nicht so sehr –, seit ich mich lange mit Russell Banks über Jamaika unterhalten habe. Oder nachdem ich mehr als einmal mit Caryl Férey einen trinken war. Und zeitlich näher an uns: eine vierstündige Fahrt mit Mehdi Bayad, mit Simon François über Wu-Tang Clan sprechen, oder mit Philippe Collin über die Dreyfus-Affäre.